Das Projekt



Um eine Vision in die Wirklichkeit zu holen, braucht es ein Projekt. Man muss ein konkretes Ziel vor Augen haben, auf das man hinarbeiten kann. Dann schmiedet man wahnsinnig tolle Pläne, wie das gesetzte Ziel am besten zu erreichen ist, und fängt zwischendurch schon mal an. Abwarten, bis der Meisterplan fix und fertig in der Schublade liegt, ist nicht empfehlenswert, denn ein solcher wird eh nie fertig und stimmt mit den realen Möglichkeiten sowieso nicht überein. Man läßt sich nicht entmutigen, sondern auf das ein, was sich ergibt, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Man findet Mitspieler, die eine ähnliche Vision und/oder ihr eigenes Projekt haben. Man guckt, wo Übereinstimmungen sind und was man daraus machen kann. Man tut einen Schritt nach dem anderen und macht ein paar Umwege. Man erlebt Überraschungen. Man lernt viel über sich selber. Man findet das Leben auf einmal total spannend. Und vor allem hört man nie auf, an sein Projekt zu glauben.

Das Ziel, ein Haus zu bauen, in dem Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam leben, war da, lange bevor ich wußte, dass genau dies mein Ziel werden würde. Zuallererst ist es in meinem Roman „Gottes leere Hand“ in Form eines Bauernhofs aufgetaucht.
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Doch die Arbeit auf einem Hof ist schwer und manchmal niederdrückend. Irgendwie war Arbeit und dazu noch schwere nicht das, was ich mir für die Gemeinschaft wünschte. So verwandelte meine Fantasie den Bauernhof bald in ein herrschaftliches Landgut. Berge, Wälder, Obstwiesen, ein riesiger Gemüsegarten, eine gediegene Architektur mit Walmdach, großen Fenstern und Holzbalkonen, Pferde, Katzen, Kaninchen und vor allem viele Angestellte, die die Arbeit machen – das alles sollte den idyllischen Rahmen für die Gemeinschaft bilden, die den Landsitz eines Tages bevölkern würde. Vor meinem inneren Auge entstand ein großes Haupthaus mit gemeinschaftlich genutzten Wohnräumen, Küche und benediktinisch angehauchtem Speisesaal sowie einer ganzen Anzahl großzügig angelegter Einzelzimmer für die Bewohner. Das Haus wurde dabei Schloß Schönbrunn aus den Sissi-Filmen immer ähnlicher. Darum herum entstanden beliebig viele kleinere Häuser mit unterschiedlichen Wohnungen für alleinerziehende Mütter und Familien mit ihren behinderten Kindern, so dass sich jeder, der dort mietfrei wohnen wollte, seines hätte aussuchen können. Für meinen Mann habe ich noch einen Turm hinzugefügt, zum Schriftstellern in erhabener Einsamkeit und mit Aufzug, falls es im Alter mit dem Treppensteigen nicht mehr so gut klappt. Später kamen Pferdeställe, eine Sägemühle und ein Badeteich hinzu. Als der Landsitz in meiner Fantasie so weit gediehen war, wußte ich plötzlich: Das will ich bauen!

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen Buchvertrag und viertausend Euro. Also schrieb ich an unseren Bankier Christoph Breunig, dass ich mit den Einnahmen aus dem Buch einen Gutshof bauen will, um dort ein Gemeinschaftsprojekt mit Behinderten und Nichtbehinderten zu starten. Obwohl ich den Turm, die Sägemühle, die Pferdeställe, den Badeteich und die Wälder überhaupt nicht erwähnt hatte, antwortete unser Bankier, dass er beim besten Willen nicht wüßte, wie ich auf der beschriebenen Grundlage ein solches Projekt stemmen wollte. So geht es, wenn man einen seriösen Finanzberater hinter sich hat. Er läßt einem erst mal die Luft raus. Das Tolle aber war, dass unser Bankier die realen Möglichkeiten dennoch ernsthaft mit mir diskutierte. Christoph Breunig gab mir den Rat, in eine vorhandene Einrichtung einzusteigen, die mit meinen eigenen Vorstellungen weitgehend übereinstimmt.

Wie der Zufall so spielt, war mir just um den Dreh herum ein Buch über Jean Vanier in die Hände gefallen. Ich hatte schon früher von der Arche gehört und den Verein wieder vergessen. Das war nun anders, denn dieser Jean Vanier hatte ja eigentlich genau das gemacht, was ich auch wollte, und das schon vor beinahe fünfzig Jahren. Er war in seinem Vorgehen bewundernswert radikal, weil Behinderte damals noch in gräßlichen Heimen regelrecht vor der Öffentlichkeit versteckt wurden und man keine Lorbeeren erntete, wenn man das Leben mit ihnen teilte. Boff!

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Also habe ich mich mit Tobias Gerken von der Arche Deutschland in Verbindung gesetzt. Der erklärte mir schon beim ersten Telefonat, dass für behinderte Menschen heute lieber stadtnah gebaut würde, damit sie auch mal ins Kino gehen oder ein Café besuchen können. Wenn man eine Wahrheit hört, die einem unmittelbar einleuchtet, kommt es manchmal zu einem Paradigmenwechsel. Noch während Tobias Gerken mit mir sprach, sah ich die Gemeinschaft aus meinem Haus plötzlich aus einem Kino kommen und auf die nächste Pizzeria zusteuern. Ein überzeugendes Bild. Schloß Schönbrunn zerbröckelte und aus den Trümmern formte sich ein Rathaus, das ich einem Bürgermeister unter dem Hintern wegkaufen und in ein geniales Wohnhaus umbauen wollte. Daher war ich gleich einverstanden, es so zu machen.

Wenn man seine Einnahmen in so ein Haus steckt, muss man dennoch Steuern zahlen. Das war hart zu schlucken und etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich habe immer gedacht, der Staat nimmt einem das Geld weg, um es denen zu geben, die schlechter dran sind als man selber. Dann wär’s ja nur logisch, dass der Staat froh sein müßte, wenn man es gleich freiwillig dorthin gibt, weil das ja eine Menge Verwaltungsaufwand spart. Aber tatsächlich gibt es anscheinend keinen vernünftigen Weg, Gelder für einen gemeinnützigen Zweck anzusammeln, ohne dass der Staat einem in die Tasche greift und die Hälfte von dem Angesammelten wieder herauszieht.

Das nächste Problem war, was mit möglicherweise eingehenden Spenden geschehen sollte. Ich verstand mit einem Mal, was es mit der sogenannten Doppelbesteuerung auf sich hat: Ein Spender spendet einen Betrag von seinen ordnungsgemäß versteuerten Einnahmen auf das Konto von jemand anderem, der diese Spende dann ebenfalls noch einmal ordnungsgemäß versteuern muss. So war es dann zwar nicht, aber es ist trotzdem unmöglich, dass ich als Privatperson Spenden entgegennehmen kann. Was die Arche oder andere gemeinnützige Vereine angeht, so müssen die eingenommenen Spenden in einem Zeitraum von zwei Jahren ausgegeben werden. Sparen ist da nicht vorgesehen.

In diesen Tagen las ich über die Arbeit der Arche nach und erfuhr, dass behinderte Menschen in Afrika, Indien oder Lateinamerika oft ein erbärmliches Leben führen. Viele werden von ihren Familien verstoßen und leben auf der Straße von den Abfällen, die andere ihnen vielleicht mal hinwerfen. Sie werden schlechter behandelt als Tiere. Es tut immer wieder von neuem weh, wenn man solche Geschichten hört. Wieder kam es zu einem Paradigmenwechsel. In Uganda oder Indien sah ich auf einen Schlag viele kleine und ziemlich praktisch eingerichtete Häuser entstehen, mit denen man die Lebensqualität der Behinderten um mehrere hundert Prozent steigern konnte. Ich hatte den dringenden Wunsch, möglichst viele solcher Häuser zu bauen, um all dem Leid in den Entwicklungsländern ein Ende zu machen.

Gleichzeitig wurde mir aber noch etwas anderes klar. In den letzten fünfzig Jahren hat sich, was die Betreuung und Versorgung von behinderten Menschen betrifft, in Europa sehr viel getan. Bei uns in Europa ist das Problem nicht, dass Behinderte menschenunwürdig dahinvegetieren und nichts zu essen haben. Wo man sich auch umschaut, überall findet man größere und kleinere Initiativen, alle mit dem Ziel, die Situation von Behinderten zu verbessern. Über den Daumen gepeilt, kommt da ziemlich viel Positives zusammen. Die Menschen sind nämlich gar nicht sooo schlecht, wie Nachrichten und Weltuntergangsfilme uns immer glauben machen. Das Problem, das wir in Europa haben, besteht vielmehr darin, dass eine ungeheure Anzahl von Kindern, die mit einer Behinderung zur Welt kommen würden, bereits vor ihrer Geburt der pränatalen Diagnostik zum Opfer fallen. In absehbarer Zeit werden all die Leute, die sich gern um Behinderte kümmern, arbeitslos sein, denn es wird kaum noch Behinderte geben. Ich möchte aber nicht in einer Welt leben, in der eine vorgeburtliche Selektion stattfindet. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Behinderte aus der Gesellschaft und von der Bildfläche verschwinden, weil ihnen von vorneweg die Existenz verweigert wird. Ich möchte einen Platz schaffen, an dem Menschen mit Behinderungen genauso willkommen sind wie alle anderen. Ein Haus, in dem gelebt und erfahren wird, dass Menschen mit Behinderungen ihre eigenen Gaben haben und gerade so wertvoll sind wie Menschen, die den gesellschaftlichen Normen genügen. Ein Haus, in dem Frauen, die ein behindertes Kind erwarten, ein Zuhause und eine Familie finden.

Es gibt noch viel zu tun, dass aus dieser Welt eine wirklich lebenswerte wird, in der alle einen Platz haben. Doch jeder kann dazu beitragen.

Falls jemand aktiv eine Spende machen möchte, soll diese direkt auf das Spendenkonto der Arche gehen. Diese Spende wird dann innerhalb von zwei Jahren im Rahmen der Aktivitäten der Arche verwendet: entweder als Beitrag zum Unterhalt der Gemeinschaften im eigenen Lande oder eben als dringend benötigte Unterstützung für die Entwicklungsländer, wo verschiedene Bauprojekte anstehen. Für diese Spenden gibt es ordentliche Spendenbescheinigungen und damit sind sie auch von der Steuer absetzbar.

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Die Einnahmen aus meinem Buch „Gottes leere Hand“ werden versteuert traurig, und was dann noch übrig bleibt, wird auf einer Art Treuhandkonto angesammelt. Christoph Breunig paßt auf, dass ich das Geld nicht in der Spielbank von Monte Carlo verzocke oder an der Börse in den Sand setze. Real sieht das so aus, dass ich selber den Kontostand einsehen, aber nichts abheben kann. Von diesem Geld bauen wir in Deutschland ein Haus, in dem nicht nur Behinderte und Nichtbehinderte zusammen eine Gemeinschaft bilden, sondern das darüber hinaus wenigstens ein paar Kindern, die voraussichtlich mit Behinderungen zur Welt kommen, eine Überlebenschance gibt. Wenn durch dieses Projekt fünfzehn Kinder mit Downsyndrom mehr ihr Leben leben dürfen, ist das Ziel erreicht.

Wer das Buch kauft oder weiterverschenkt, unterstützt das Projekt also in dieser Form und bekommt dafür keine Spendenbescheinigung.

Sollte für das Haus in Deutschland nicht genügend Geld zusammenkommen, geht der angesammelte Betrag nach ein paar Jahren ebenfalls an die Arche über und findet die gleiche Verwendung wie jetzt schon die aktiven Spenden. Aber wie gesagt, man hört nie auf, an sein Projekt zu glauben. Und so glaube ich, dass mein Buch ein Bestseller wird. Und wenn nicht, dann mache ich einfach solange weiter, bis es klappt.



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