Das Projekt
Um eine Vision in die Wirklichkeit zu holen, braucht es ein Projekt. Man muss ein konkretes Ziel vor Augen haben, auf das man hinarbeiten kann. Dann schmiedet man wahnsinnig tolle Pläne, wie das gesetzte Ziel am besten zu erreichen ist, und fängt zwischendurch schon mal an. Abwarten, bis der Meisterplan fix und fertig in der Schublade liegt, ist nicht empfehlenswert, denn ein solcher wird eh nie fertig und stimmt mit den realen Möglichkeiten sowieso nicht überein. Man läßt sich nicht entmutigen, sondern auf das ein, was sich ergibt, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Man findet Mitspieler, die eine ähnliche Vision und/oder ihr eigenes Projekt haben. Man guckt, wo Übereinstimmungen sind und was man daraus machen kann. Man tut einen Schritt nach dem anderen und macht ein paar Umwege. Man erlebt Überraschungen. Man lernt viel über sich selber. Man findet das Leben auf einmal total spannend. Und vor allem hört man nie auf, an sein Projekt zu glauben.
Das Ziel, ein Haus zu bauen, in dem Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam leben, war da, lange bevor ich wußte, dass genau dies mein Ziel werden würde. Zuallererst ist es in meinem Roman „Gottes leere Hand“ in Form eines Bauernhofs aufgetaucht.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen Buchvertrag und viertausend Euro. Also schrieb ich an unseren Bankier Christoph Breunig, dass ich mit den Einnahmen aus dem Buch einen Gutshof bauen will, um dort ein Gemeinschaftsprojekt mit Behinderten und Nichtbehinderten zu starten. Obwohl ich den Turm, die Sägemühle, die Pferdeställe, den Badeteich und die Wälder überhaupt nicht erwähnt hatte, antwortete unser Bankier, dass er beim besten Willen nicht wüßte, wie ich auf der beschriebenen Grundlage ein solches Projekt stemmen wollte. So geht es, wenn man einen seriösen Finanzberater hinter sich hat. Er läßt einem erst mal die Luft raus. Das Tolle aber war, dass unser Bankier die realen Möglichkeiten dennoch ernsthaft mit mir diskutierte. Christoph Breunig gab mir den Rat, in eine vorhandene Einrichtung einzusteigen, die mit meinen eigenen Vorstellungen weitgehend übereinstimmt.
Wie der Zufall so spielt, war mir just um den Dreh herum ein Buch über Jean Vanier in die Hände gefallen. Ich hatte schon früher von der Arche gehört und den Verein wieder vergessen. Das war nun anders, denn dieser Jean Vanier hatte ja eigentlich genau das gemacht, was ich auch wollte, und das schon vor beinahe fünfzig Jahren. Er war in seinem Vorgehen bewundernswert radikal, weil Behinderte damals noch in gräßlichen Heimen regelrecht vor der Öffentlichkeit versteckt wurden und man keine Lorbeeren erntete, wenn man das Leben mit ihnen teilte. Boff!
Wenn man seine Einnahmen in so ein Haus steckt, muss man dennoch Steuern zahlen. Das war hart zu schlucken und etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich habe immer gedacht, der Staat nimmt einem das Geld weg, um es denen zu geben, die schlechter dran sind als man selber. Dann wär’s ja nur logisch, dass der Staat froh sein müßte, wenn man es gleich freiwillig dorthin gibt, weil das ja eine Menge Verwaltungsaufwand spart. Aber tatsächlich gibt es anscheinend keinen vernünftigen Weg, Gelder für einen gemeinnützigen Zweck anzusammeln, ohne dass der Staat einem in die Tasche greift und die Hälfte von dem Angesammelten wieder herauszieht.
Das nächste Problem war, was mit möglicherweise eingehenden Spenden geschehen sollte. Ich verstand mit einem Mal, was es mit der sogenannten Doppelbesteuerung auf sich hat: Ein Spender spendet einen Betrag von seinen ordnungsgemäß versteuerten Einnahmen auf das Konto von jemand anderem, der diese Spende dann ebenfalls noch einmal ordnungsgemäß versteuern muss. So war es dann zwar nicht, aber es ist trotzdem unmöglich, dass ich als Privatperson Spenden entgegennehmen kann. Was die Arche oder andere gemeinnützige Vereine angeht, so müssen die eingenommenen Spenden in einem Zeitraum von zwei Jahren ausgegeben werden. Sparen ist da nicht vorgesehen.
In diesen Tagen las ich über die Arbeit der Arche nach und erfuhr, dass behinderte Menschen in Afrika, Indien oder Lateinamerika oft ein erbärmliches Leben führen. Viele werden von ihren Familien verstoßen und leben auf der Straße von den Abfällen, die andere ihnen vielleicht mal hinwerfen. Sie werden schlechter behandelt als Tiere. Es tut immer wieder von neuem weh, wenn man solche Geschichten hört. Wieder kam es zu einem Paradigmenwechsel. In Uganda oder Indien sah ich auf einen Schlag viele kleine und ziemlich praktisch eingerichtete Häuser entstehen, mit denen man die Lebensqualität der Behinderten um mehrere hundert Prozent steigern konnte. Ich hatte den dringenden Wunsch, möglichst viele solcher Häuser zu bauen, um all dem Leid in den Entwicklungsländern ein Ende zu machen.
Gleichzeitig wurde mir aber noch etwas anderes klar. In den letzten fünfzig Jahren hat sich, was die Betreuung und Versorgung von behinderten Menschen betrifft, in Europa sehr viel getan. Bei uns in Europa ist das Problem nicht, dass Behinderte menschenunwürdig dahinvegetieren und nichts zu essen haben. Wo man sich auch umschaut, überall findet man größere und kleinere Initiativen, alle mit dem Ziel, die Situation von Behinderten zu verbessern. Über den Daumen gepeilt, kommt da ziemlich viel Positives zusammen. Die Menschen sind nämlich gar nicht sooo schlecht, wie Nachrichten und Weltuntergangsfilme uns immer glauben machen. Das Problem, das wir in Europa haben, besteht vielmehr darin, dass eine ungeheure Anzahl von Kindern, die mit einer Behinderung zur Welt kommen würden, bereits vor ihrer Geburt der pränatalen Diagnostik zum Opfer fallen. In absehbarer Zeit werden all die Leute, die sich gern um Behinderte kümmern, arbeitslos sein, denn es wird kaum noch Behinderte geben. Ich möchte aber nicht in einer Welt leben, in der eine vorgeburtliche Selektion stattfindet. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Behinderte aus der Gesellschaft und von der Bildfläche verschwinden, weil ihnen von vorneweg die Existenz verweigert wird. Ich möchte einen Platz schaffen, an dem Menschen mit Behinderungen genauso willkommen sind wie alle anderen. Ein Haus, in dem gelebt und erfahren wird, dass Menschen mit Behinderungen ihre eigenen Gaben haben und gerade so wertvoll sind wie Menschen, die den gesellschaftlichen Normen genügen. Ein Haus, in dem Frauen, die ein behindertes Kind erwarten, ein Zuhause und eine Familie finden.
Es gibt noch viel zu tun, dass aus dieser Welt eine wirklich lebenswerte wird, in der alle einen Platz haben. Doch jeder kann dazu beitragen.
Falls jemand aktiv eine Spende machen möchte, soll diese direkt auf das Spendenkonto der Arche gehen. Diese Spende wird dann innerhalb von zwei Jahren im Rahmen der Aktivitäten der Arche verwendet: entweder als Beitrag zum Unterhalt der Gemeinschaften im eigenen Lande oder eben als dringend benötigte Unterstützung für die Entwicklungsländer, wo verschiedene Bauprojekte anstehen. Für diese Spenden gibt es ordentliche Spendenbescheinigungen und damit sind sie auch von der Steuer absetzbar.
Wer das Buch kauft oder weiterverschenkt, unterstützt das Projekt also in dieser Form und bekommt dafür keine Spendenbescheinigung.
Sollte für das Haus in Deutschland nicht genügend Geld zusammenkommen, geht der angesammelte Betrag nach ein paar Jahren ebenfalls an die Arche über und findet die gleiche Verwendung wie jetzt schon die aktiven Spenden. Aber wie gesagt, man hört nie auf, an sein Projekt zu glauben. Und so glaube ich, dass mein Buch ein Bestseller wird. Und wenn nicht, dann mache ich einfach solange weiter, bis es klappt.
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