Die Arche



Im Jahr 1964 kaufte Jean Vanier im nördlich von Paris gelegenen Trosly-Breuil ein unscheinbares Steinhaus, um dort zusammen mit drei behinderten Menschen eine Wohn- und Lebensgemeinschaft zu bilden. Mit diesem Schritt wollte er jedoch keine neue Einrichtung begründen, in der behinderte Menschen wie üblich von Nichtbehinderten betreut werden. Was ihm vorschwebte, war ein Zuhause, eine familienähnliche Gemeinschaft. Jean Vanier wollte sein Leben mit behinderten Menschen teilen.

jeanvanier1
Das in Trosly-Breuil begonnene Projekt wurde rasch größer und ist heute auf über 135 Kommunitäten in allen Erdteilen angewachsen. In jeder dieser Gemeinschaften hat das Zusammenleben seine ganz eigene Form angenommen. Manche leben in großen Städten, andere auf dem Land. Manche verfügen über eigene Werkstätten, in anderen gehen die behinderten Menschen außerhalb einer Arbeit nach. Manche nehmen Schwerbehinderte auf, andere sind dafür nicht eingerichtet. In Frankreich, Deutschland und England fügen die Gemeinschaften sich ebenso in die örtliche Kultur ein wie in Honduras, Indien, Australien, an der Elfenbeinküste oder in Burkina Faso. Die Arche gründet sich auf dem christlichen Glauben, Menschen anderer oder ohne Glaubenszugehörigkeit haben ebenso ihren Platz in der Gemeinschaft. In Indien leben Hindus, Muslime und Christen gemeinsam. In Deutschland ist die Arche ökumenisch ausgerichtet.

Werte wie Vertrauen, Beziehung, Freundschaft, Verwandlung, Treue, Glaube sind nicht auf festgelegte Formen des Zusammenlebens beschränkt. Sie stecken nicht in einem konkreten äußerlichen Modell. Sie sind etwas viel Tieferes. Die wahre Bedeutung der Arche liegt in der täglich aufs neue gemachten Erfahrung, was ein Mensch für den anderen sein kann, was es heißt, sich auf einen anderen Menschen wirklich einzulassen. Behinderte können uns helfen, die tieferen Geheimnisse unseres Menschseins neu zu entdecken. Sie leisten ihren Beitrag, um unserer an Konsum und flüchtigem Genuß orientierten Gesellschaft eine lebenswertere Ausrichtung zu geben.

Es gehört zum tiefsten Wesen des Menschen, zu lieben und geliebt zu werden. Menschen mit einer Behinderung haben oft eine besondere Gabe, andere herzlich aufzunehmen. Durch ihre Einfachheit und ihr Angewiesensein können sie die Herzen anderer anrühren und Menschen zusammenbringen. Andererseits gibt es Menschen, die zwar über Arbeit, Besitz und Ansehen verfügen, denen aber die Fähigkeit zur Liebe und zum angstfreien Leben in echter Gemeinschaft fehlt. In der Arche können die einen von den anderen lernen und umgekehrt.

Es ist nicht die ganze Geschichte, wenn man nur von der Schwäche, Verletzlichkeit und Ohnmacht der Behinderten spricht. In Wirklichkeit haben die Behinderten ganz eigene Stärken und verfügen über Gaben, die sich nicht nur aus ihrer Verwundbarkeit ergeben.

d-l'archeravensburg-20060730-anja+elke-nkorf
Heilung kann stattfinden, wenn Menschen für eine echte Beziehung zueinander offen werden. Das ist keine spektakuläre Heilung. Das ist auch nicht das gleiche wie Integration. Es gibt in unsere Gesellschaft integrierte Menschen, deren Mauern um ihre Verletzlichkeit so dick sind, dass sie unfähig sind, anderen Menschen wirklich zuzuhören oder friedvoll zu sein.

Der wichtigste Weg zur Heilung ist das gemeinsame Alltagsleben. Der Tagesablauf in der Arche wird bestimmt vom Rhythmus der behinderten Mitglieder: aufstehen, zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, miteinander essen und immer wieder feiern; es sind die ganz normalen und alltäglichen Dinge, die das Leben in einer solchen Arche ausmachen.

Reifen und wachsen heißt, nach und nach ein Land verlassen, in dem die Sicht noch beschränkt ist, wo das Suchen noch von ichbezogener Befriedigung beherrscht ist, von den eigenen Sympathien und Antipathien, um in ein Land mit grenzenlosen Horizonten und einer universalen Liebe zu gelangen, wo man alle Menschen liebt und nichts anderes möchte, als dass sie glücklich sind.

Aus:
Kathryn Spink,
Jean Vanier und die Arche
2008




Copyright Bilder auf dieser Seite: (c) Arche Deutschland